Manfred "Manne" Hönel zum 80.

Manfred "Manne" Hönel (in der roten Jacke)
Manfred "Manne" Hönel (in der roten Jacke)

Kennen Sie Menschen, wenn man die vorn rausschmeißt, kommen sie durch die Hintertür wieder herein? Ich ja. Einer von ihnen ist Manfred Hönel. Wie er das hingekriegt hat, dass er 1964 als Student ohne Akkreditierung von der Neuen Berliner Illustrierten (NBI) zu den Olympischen Winterspielen in Innsbruck geschickt wurde, weiß ich nicht. Bekannt ist mir aber, dass er unter den 500 Bewerbern, die ebenfalls ohne Anmeldung anreisten, einer der wenigen war, die noch zugelassen wurden.

 

Damit besaß er für das Eiskunstlaufstadion, wo am Abend des Eröffnungstages die erste Goldmedaille vergeben wurde, noch lange keinen Presseplatz. Denn es gab ja nur 910, von denen zudem zwei Drittel Stehplätze waren. Was tun? Als Hönel bemerkte, dass kurz vor Beginn Stühle in die Halle getragen wurden, griff er sich einen der Stapel und reihte sich bei den Arbeitern ein. Der Weg führte in die Katakomben und somit ins Allerheiligste, wo sich die Paarläufer für ihren Auftritt vorbereiteten. Von dort aus verfolgte er als Zaungast das dramatische Finale, das mit dem Überraschungserfolg der Protopopows und der sensationellen Niederlage von Kilius/Bäumler endete.

 

Geboren wurde Hönel im nordböhmischen Brüx (heute Most), dessen Altstadt längst in einem Tagebau verschwunden ist. Der Vater war Bergbauingenieur. Wie die meisten Sudetendeutschen musste die Familie nach dem verlorenen Krieg ihre Heimat verlassen. Die Vertreibung endete im anhaltinischen Genthin, wo Hönel die Grundschule besuchte. Anschließend absolvierte er auf Anraten seines Vaters, der inzwischen als Reviersteiger im erzgebirgischen Uranbergbau arbeitete, eine Lehre als Brauer und Mälzer. Eine Zukunft in der Getränkeindustrie schien damit vorbestimmt. Nach einem Jahr als Facharbeiter bei volkseigenem Bürgerbräu in Berlin bekam Hönel das Angebot, eine der 1949 in der DDR gegründeten Arbeiter- und Bauernfakultäten (ABF) zu besuchen, die an die Tradition der Arbeiter-Abiturientenkurse der Weimarer Republik anknüpften. Nach drei Jahren erwarb er dort die Hochschulreife und somit die Zulassung zum Studium an der Berliner Humboldt-Universität im Fach Gärungschemie und technische Mikrobiologie, das er 1964 mit dem Diplom abschloss.

 

Zu Hönels sportlichen Leidenschaften zählt bis heute das Eishockey. Er spielte im Universitätsteam und schließlich in der 2. Mannschaft des SC Dynamo Berlin. Als die „Berliner Zeitung“ ihn eines Tages für eine 15-Zeilen-Meldung anheuerte, erledigte Hönel das zur Zufriedenheit des Auftragsgebers. Ein günstiger Weg, um das Stipendium aufzubessern, denn an Bedarf war kein Mangel. Vor allem im Sommer und sonntags wurden in den Redaktionen ständig „Urlaubsvertretungen“ gesucht.

 

Nachdem Hönel 1965 ein Journalistik-Fernstudium begonnen hatte, verabschiedete er sich bald darauf vom alkoholischen Gärungsprozess. Als Quereinsteiger kam er 1966 zur Sportredaktion der „Jungen Welt“, um deren Auflagensteigerung (zuletzt mehr als 1,5 Millionen) er sich verdient machte. 27 Jahre lang hielt er der größten DDR-Tageszeitung die Treue – davon elf als stellvertretender Ressortleiter. Wo auch immer in die Pedale getreten, Fußball oder Eishockey gespielt oder eine Gewichtheber-Hantel gehoben wurde - Hönel war immer dran am Geschehen. Dass er bei aller Robustheit aber auch seine sensible Seite hat, zeigte sich beim Eiskunstlauf, wo er schon beinahe zum Inventar zählte. Kaum eine Welt-, Europa- oder Landesmeisterschaft, die ohne ihn stattfand.

 

Wer ein solches Netzwerk sein eigen nennt, ist freilich beim Boulevard-Journalismus bestens aufgehoben. Im Spätsommer 1991 wechselte Hönel zur BILD-Zeitung, die er ein Jahrzehnt lang mit Stories aller Art versorgte.

Auch nach seiner Versetzung in den Unruhestand ist er noch immer eine begehrte Adresse. Sein Tag beginnt üblicherweise mit einer Telefonkonferenz nach dem Motto: „Was gibt es Neues?“. Übrigens wird „Manne“ am 15. Oktober 80 Jahre alt. Um Gratulationen entgegenzunehmen, wird er sich deshalb eine kurze Auszeit gönnen. Danach geht’s weiter. Wie gehabt!

 

Text: Volker Kluge, Foto: Regina Hoffmann-Schon